Ich habe Songwriting nie gelernt. Ich habe aufgehört, es zu versuchen — und dann fing es an.
Jeder kennt das Bild: Du setzt dich hin, legst einen Zettel vor dich, willst schreiben. Vielleicht kommt eine Zeile. Ein Vers. Und dann — nichts. Du kommst nicht wieder rein. Bei ADHS ist das kein Versagen. Das ist ein Signal. Ein Signal, dass dieser Weg nicht deiner ist.
Mein Wendepunkt war nicht, besser schreiben zu lernen. Mein Wendepunkt war zu verstehen, dass ich nicht an meinem Songwriting arbeiten muss — sondern an dem, was mein Eindruck ist. Denn Themen habe ich genug. Sichtpassagen. Gefühle. Bilder. Jeden Tag. Mein Alltag ist voll davon. Die Frage war nie: Worüber schreibe ich? Die Frage war: Wie fange ich ein, was ohnehin schon da ist?
Alles ist gleichzeitig da
Bei mir kommt das Wort. Oder das Bild. Oder der unmittelbare Eindruck — alles auf einmal, wie eine komplexe Sprache, die in einem einzigen Moment spricht. Und dann muss ich schnell sein. Nicht gut. Schnell. Weil das Bild, das gerade da ist, nie wiederkommt. Nicht in dieser Intensität.
Ich skizziere. Apple Notizen. Sprachmemo. Egal was. Die Skizze ist wichtiger als das richtige Wort, weil das richtige Wort durch Kreativität später wiederkommt. Aber der Moment kommt nicht wieder. Also: alles andere weglassen. Sofort. Ausschließlichkeit an dieser Stelle. Weil ich weiß — diese Intensität ist jetzt da, und in zehn Minuten vielleicht nicht mehr.
Hyperfokus steuert man nicht — man erkennt ihn
Kann ich meinen Hyperfokus steuern? Nein. Aber ich habe gelernt, ihn zu erkennen. Wenn ich wirklich in einem Gefühl drin bin, entsteht Hyperfokus von selbst. Und dann sollte man ihn nutzen, solange es ihn gibt. Nicht planen. Nicht strukturieren. Mitgehen.
Die Songs, die im Hyperfokus entstehen, sind die dichteren, ehrlicheren, tieferen. Einen „normalen" Schreibmodus habe ich eigentlich nicht. Entweder es zieht mich rein — oder es lohnt sich nicht.
Kein Friedhof. Ein Mülleimer.
Viele Songwriter mit ADHS sprechen vom Friedhof der halbfertigen Songs. Den habe ich nicht. Was ich habe, ist ein Mülleimer. Denn ein halbfertiger Song ist für mich ein schlechter Song. Er hat mich nicht genug angetrieben, ihn wirklich fertigzumachen. Und was mich nicht antreibt, muss ich nicht aufbewahren.
Im Hyperfokus merke ich, ob ein Thema trägt — ob wirklich etwas rauskommt oder ob der Weg gerade nicht produktiv ist. Wenn der Song mich zieht, bleibe ich dran. Dann ist er auch fertig. Und wenn er mich nicht zieht, dann war er nicht meiner.
Emotionale Dysregulation: Hindernis oder Treibstoff?
Beides. Sie ist Hindernis, wenn man sie nicht zulässt. Und Treibstoff, wenn man sie zulässt. Weil sie eine Sache viel klarer macht. Und dringlicher. Ich schreibe alle Songs aus der unmittelbaren Wahrnehmung. Anders geht es bei mir nicht. Das ist eigentlich ganz einfach — wenn man aufhört, dagegen zu arbeiten.
Und wenn das Lied dann fertig ist und ich einfach dasitze und nichts mehr mache — dann ist es genau fertig. Das ist bei allen vier Alben so passiert. Der innere Kritiker, der bei ADHS oft besonders laut ist? Er war nicht mein Feind. Er wurde kohärent. Stimmig. Und in dem Moment, wo er stimmig wurde, war der Song gut.
ADHS-Diagnose mit 47 — und plötzlich Songwriter
Die Spätdiagnose hat Songwriting für mich überhaupt erst möglich gemacht. Vorher habe ich Musik gemacht, ja. Mit Leuten zusammen. Das war schön. Aber ich habe meinen Turbo nicht gezündet. Meine Frequenz nicht gefunden.
Ich habe versucht, normale Musik zu machen. Musik, die man so macht. Und genau das war das Problem. Erst als die Diagnose kam — mit 47, völlig unerwartet — und plötzlich alles eine Erklärung hatte, fand ich meine eigene Sprache. Nicht die Sprache der Musik, die andere von mir erwarteten. Meine.
Was ist ADHS-Musik?
Kein Genre. Eine Haltung. Die auf Echtheit beruht und auf Resonanz.
Neurotypische Menschen reagieren auf meine Musik oft so: Es beruhigt sie. Bringt etwas in Ordnung. Das ist schön. Aber es ist nicht dasselbe wie das, was neurodivergente Menschen erleben. Für die — für uns — ist es ein Erkennen. Kein „Das gefällt mir", sondern „Das bin ich."
Meine Alben, die neurodivergente Themen behandeln, treffen ADHS-Betroffene auf einer Ebene, die ich nicht erklären kann und die ich auch nicht erklären muss. Und meine Alben, die neurotypische Themen behandeln — wie Alltag — erreichen neurotypische Menschen auf ihre Weise. Beides ist echt. Beides hat seinen Raum.
Das Symptom, das am häufigsten vorkommt
Zu viel. Dass man zu viel ist. Dass die Welt einem das zurückspiegelt: Du bist zu viel. Zu laut. Zu intensiv. Zu nah. Zu schnell. Und dass man lernen muss, dieses Zu-viel nicht als Defizit zu verstehen, sondern als Frequenz, die ihren eigenen Resonanzraum braucht.
Wie vier Alben fertig werden — trotz ADHS
Nicht durch Disziplin. Nicht durch Strategien. Sondern dadurch, dass ich an verschiedenen Themen gleichzeitig arbeite und dem vertraue, dass das alte Thema wiederkommt, wenn es soweit ist. Ich bin dann noch gut, wenn es mich wirklich interessiert. Und wenn ein Album fertig ist, will ich es veröffentlichen. Da passiert dazwischen nicht viel. Kein Zögern. Kein Zweifeln. Es ist fertig — und dann soll es raus.
Was ich dir sagen würde, wenn du Musik in dir trägst
Fang an, selber zu spielen. Selber zu singen. Schaff dir einen Raum, wo du ganz sein kannst. Einfach anfangen.
Hören ist was anderes als selber tun. Im Selbermachen ist eine ganz andere emotionale Ladung drin. Eine Verbundenheit mit dir selbst, die du durchs Hören allein nicht erreichst.
Und glaube nicht, dass du erst etwas lernen musst. Du musst lernen, was dein Eindruck ist. Der Rest kommt.
Zwischen Atem und Glanz
Wenn mich jemand fragt, welcher Song den Kern von „Songwriting mit ADHS" am besten trifft, sage ich: Zwischen Atem und Glanz.
Wenn man genau dazwischenkommt — dass man den Atem spürt und den Glanz sieht — dieser Moment, wo etwas Schönes aufbricht und man es unmittelbar mitbekommt und in Worte fasst.
Zwischen Atem und Glanz, da bin ich ganz.