Ich bin normal.
Das sage ich mir jeden Morgen. Ich sage es mir, wenn der Wecker um sechs Uhr dreißig klingelt und ich aufstehe. Nicht um sieben. Nicht um viertel nach. Um sechs Uhr dreißig. Weil ich das gestern so entschieden habe. Weil morgen ein Tag ist, der eine Ordnung hat. Der einen Anfang hat und ein Ende. Und dazwischen Schritte, die aufeinander folgen, einer nach dem anderen, wie Stufen einer Treppe.
Ich bin normal. Ich weiß nur nicht, warum das niemand sieht.
Mein Name spielt keine Rolle. Ich bin fünfundvierzig. Ich arbeite. Ich liebe jemanden. Ich versuche, ein guter Mensch zu sein. Und ich lebe in einer Welt, die mich für krank hält.
Meine Diagnose heißt Chronisches Strukturbedürfnis. CSB. Es gibt einen Fachbegriff, den die Therapeuten benutzen: Hyperfokale Rigidität mit eingeschränkter Impulstoleranz. Es gibt Broschüren. Es gibt Selbsthilfegruppen. Es gibt einen Hashtag. Es gibt Leute, die Podcasts darüber machen — Leute, die es nicht haben, wohlgemerkt — und die mit sanfter, verständnisvoller Stimme erklären, dass Menschen wie ich „anders verdrahtet" sind. Dass wir „auch wertvoll" sind. Auch. Dieses Wort. Es klingt wie eine Münze, die jemand in einen Hut wirft.
Ich bin nicht „auch" etwas. Ich bin. Aber das scheint hier nicht zu reichen.
Heute Morgen bin ich um sechs Uhr dreißig aufgestanden. Meine Partnerin lag noch im Bett. Sie schläft, bis sie aufwacht. Kein Wecker. Sie sagt, ihr Körper weiß, wann es Zeit ist. Und ich stehe daneben und denke: Aber wir müssen um acht bei deiner Mutter sein. Das weißt du. Wir haben es gestern besprochen. Du hast ja gesagt.
Um viertel nach sieben habe ich Kaffee gemacht. Zwei Tassen. Ihre auf den Nachttisch gestellt. Um halb acht habe ich gesagt: Schatz, wir müssen um acht los.
Sie hat gelächelt. „Mhm."
Um viertel vor acht stand sie unter der Dusche. Um acht saß sie im Bademantel am Küchentisch und schaute ein Video auf ihrem Telefon. Irgendetwas mit Hunden. Sie hat gelacht. Ich stand an der Tür. Angezogen. Schlüssel in der Hand.
„Wir wollten um acht los," habe ich gesagt.
Sie hat mich angeschaut. Nicht böse. Nicht schuldbewusst. Eher — verwundert. Als hätte ich etwas Seltsames gesagt. Als hätte ich gesagt: Die Schwerkraft sollte heute nach oben ziehen.
„Wir fahren doch gleich," hat sie gesagt.
Gleich. In ihrer Sprache bedeutet das: irgendwann in der nächsten Stunde. In meiner Sprache bedeutet das: in den nächsten fünf Minuten. Wir benutzen dasselbe Wort. Wir meinen verschiedene Welten.
Um halb neun saßen wir im Auto. Ich habe nichts gesagt. Ich habe nicht gesagt: Es ist halb neun. Ich habe es früher gesagt. Jahrelang. Es hat zu nichts geführt. Nur dazu, dass sie mich ansieht mit diesem Blick, den ich kenne. Diesem Blick, der sagt: Da ist es wieder. Sein Problem.
Ihr Bruder hat mir einmal auf einer Familienfeier die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt: „Du musst lernen, loszulassen, Bruder. Das Leben fließt. Du musst mitfließen." Er hat es gut gemeint. Er hat es gesagt wie jemand, der einem Gehbehinderten erklärt, dass man einfach nur schneller laufen muss.
Am Abend habe ich geweint. Nicht weil er etwas Schlimmes gesagt hat. Sondern weil ich wusste: Er hat Recht. In dieser Welt hat er Recht. Die Welt fließt. Und ich bin der Stein im Fluss. Und alle umströmen mich und wundern sich, warum ich nicht mitschwimme.
Man sagt mir, ich solle Techniken lernen. Es gibt Kurse. „Flexibilitätstraining für strukturaffine Erwachsene." Dort sitze ich in einem Raum mit elf anderen Menschen, die so sind wie ich. Und eine Trainerin — lebhaft, energisch, ständig vom Thema abschweifend und dabei strahlend, als wäre Abschweifen eine Kunstform — diese Trainerin erklärt uns, wie wir „Überraschungsmomente" in unseren Alltag einbauen können. Bewusst. Als Übung. Zum Beispiel: Morgens nicht den gleichen Weg zur Arbeit nehmen. Oder: Eine Mahlzeit ausfallen lassen und stattdessen etwas Spontanes tun.
Sie sagt das. Und ich spüre, wie mein Magen sich zusammenzieht. Nicht weil ich Angst habe vor einem anderen Weg. Sondern weil sie nicht versteht — weil niemand versteht — dass der gleiche Weg zur Arbeit nicht mein Gefängnis ist. Er ist mein Halt. Er ist der Boden, auf dem ich gehe, damit ich den Kopf frei habe für die Dinge, die wirklich wichtig sind. Wenn der Boden jeden Morgen anders aussieht, bin ich nur noch damit beschäftigt, nicht zu fallen.
Aber das kann ich nicht sagen. Denn wenn ich das sage, nickt die Trainerin verständnisvoll und sagt: „Das ist eine typische Vermeidungsstrategie. Das ist dein CSB, das sich schützen will. Aber du bist mehr als deine Diagnose."
Ich bin mehr als meine Diagnose. Das klingt so schön. Und es bedeutet: Deine Art zu sein ist das Problem. Aber wir sehen dich trotzdem als ganzen Menschen. Trotzdem. Wieder dieses Wort. Das mitleidige Trotzdem.
Auf der Arbeit bin ich gut. Nein — ich bin hervorragend. Ich bin der, den sie rufen, wenn das Projekt in der dritten Woche steckt. Wenn die große Idee da ist, aber keiner weiß, wie man von A nach B kommt. Wenn dreißig Leute begeistert in einem Raum sitzen und jeder eine neue Idee hat und niemand die letzte zu Ende gedacht hat. Dann rufen sie mich. Und ich mache den Plan. Ich setze die Fristen. Ich erinnere an die Absprachen. Ich bin der Faden, der alles zusammenhält.
Und sie schätzen mich dafür. Auf eine Art. Die Art, wie man einen Werkzeugkasten schätzt. Man greift dazu, wenn man ihn braucht. Man stellt ihn weg, wenn nicht. Man nimmt ihn nicht mit auf die Party.
Die Beförderung letztes Jahr ging an Timo. Timo hat in drei Monaten vier Projekte angefangen und keines fertig gemacht. Aber er hat auf jeder Präsentation das Feuerwerk gezündet, das alle lieben. Er sprüht. Er überrascht. Er bricht Regeln und nennt es Innovation. Die Leute lieben ihn. Er ist — ich will es gar nicht sagen, aber es ist wahr — er ist das, was diese Welt als gesund definiert.
Und ich sitze in meinem Büro und mache Timos Projekte fertig. Leise. Gründlich. Pünktlich.
Mein Chef hat mir gesagt: „Du bist unser Rückgrat." Rückgrat. Man spürt es nicht, solange es funktioniert. Man merkt es erst, wenn es bricht.
Das Schlimmste ist nicht die Arbeit. Nicht die Verabredungen. Nicht die ständige Verspätung aller. Das Schlimmste ist die Liebe.
Meine Partnerin liebt mich. Das weiß ich. Wenn sie mich ansieht, in diesen Momenten, in denen sie ganz da ist — und sie ist ganz da, wenn sie da ist, das stimmt, das muss ich ihr lassen — dann spüre ich, dass sie mich sieht. Wirklich sieht.
Aber dann ist der Moment vorbei. Und sie ist im nächsten Moment. Und im übernächsten. Und ich stehe noch im ersten. Halte ihn fest. Will ihn bewahren. Und sie dreht sich um und sagt: „Komm mit." Und meint: Lass los.
Und ich kann nicht loslassen. Nicht weil ich nicht will. Sondern weil Festhalten die Art ist, wie ich liebe. Ich liebe, indem ich die Dinge bewahre. Indem ich mich erinnere, was du Dienstag gesagt hast. Indem ich das Essen koche, das du vor drei Wochen mochtest. Indem ich um acht da bin, wenn ich um acht gesagt habe. Das ist meine Sprache.
Aber meine Sprache wird in dieser Welt nicht gesprochen.
Sie liebt mich in Intensität. In Momenten. In plötzlicher, strahlender, überwältigender Zuwendung, die wie eine Welle kommt und wie eine Welle geht. Und ich stehe am Strand und baue Dämme. Und sie fragt sich, warum ich nicht einfach schwimmen gehe.
Letzte Woche war ich bei meinem Therapeuten. Er ist ein freundlicher Mann. Er hat selbst kein CSB — natürlich nicht, die allermeisten haben es nicht. Er fragte mich, wie es mir geht.
Ich habe gesagt: „Ich bin müde."
Er hat genickt. „Wovon bist du müde?"
„Davon, dass ich mich jeden Tag in eine Welt übersetzen muss, die meine Sprache nicht spricht. Davon, dass ich mich anpasse, ständig, in jeder Minute, und es trotzdem nicht reicht. Davon, dass alle sagen, sie akzeptieren mich — und trotzdem alles so gebaut ist, dass nichts für mich funktioniert."
Er hat geschwiegen. Lange. Dann hat er gesagt: „Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass dein Bedürfnis nach Kontrolle eine Schutzreaktion sein könnte? Dass du loslassen könntest, wenn du dich sicher genug fühlst?"
Und da war er wieder. Der Satz, der alles zusammenfasst. Der Satz, den ich seit meiner Kindheit höre. In verschiedenen Formen. Von verschiedenen Menschen. Immer mit guter Absicht. Und immer mit derselben Bedeutung:
Du bist, wie du bist. Und wie du bist, ist das Problem. Und die Lösung liegt darin, dass du aufhörst, so zu sein.
Ich habe gelächelt. Ich habe gesagt: „Vielleicht."
Ich bin nach Hause gefahren. Den gleichen Weg wie immer. Und zum ersten Mal habe ich mich gefragt, ob der Weg wirklich mein Halt ist. Oder nur die Spur, die ich in den Boden grabe, weil ich nirgendwo sonst stehen darf.
Ich bin normal.
Das sage ich mir jeden Morgen. Und jeden Morgen glaube ich es ein bisschen weniger.
Nicht weil ich aufhöre, an mich zu glauben. Sondern weil eine Welt, die dir fünfundneunzig Mal am Tag sagt, du seist nicht normal — die formt dich. Egal wie fest du stehst. Das Wasser formt den Stein. Nicht durch Kraft. Durch Wiederholung.
Und ich frage mich: Wenn ich aufhöre, fest zu sein — bin ich dann frei?
Oder bin ich dann nur weg?
Und jetzt halte ich inne. Und sage dir, der du das liest: Das, was du gerade gespürt hast — diese Enge, diese Müdigkeit, diese Ungerechtigkeit — das ist nicht Fiktion. Das ist der Alltag von jedem Menschen mit ADHS. In deiner Welt. Heute. Jetzt.
Der Mensch, der gerade zu dir gesprochen hat, bist du. Nur umgedreht.
Und die Kraft, die er jeden Tag aufbringt, um in einer Welt zu bestehen, die nicht für ihn gebaut ist — diese Kraft bringt jeder ADHSler auf. Jeden Tag. Neben dir. Ohne dass du es siehst.
Weil du der Fluss bist. Und er der Stein. Und du dich noch nie gefragt hast, was es kostet, im Strom zu stehen und nicht zu brechen.
Was dieser Text mit EXO verbindet
Dieser Text ist die Kehrseite von EXO. EXO beschreibt, warum es zwei Arten Mensch gibt. „Ich bin normal" lässt eine Art für einen Augenblick die andere sein.
Wer das hier gefühlt hat, braucht keine weitere Erklärung mehr. Und wer das hier nicht fühlen will, dem hilft auch keine Erklärung.