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Der Dolmetscher, den es noch nicht gibt

Über eine Welt, die anfinge, uns zu übersetzen

Von Kristian Luge · 247.blue

Geh heute in eine Behörde, in der ein gehörloser Mensch am Schalter sitzt, und schau, was passiert. Niemand redet lauter. Niemand spricht übertrieben langsam, mit großen Lippen, wie zu einem Kind. Niemand winkt ab und ruft den Nächsten auf. Es liegt ein Block bereit, oder ein Tablet, oder es kommt, bei wichtigeren Dingen, ein Mensch dazu, dessen Beruf es ist, zwischen zwei Sprachen zu stehen und keine davon für die falsche zu halten. Es gibt ein Wort für diese Sprache. Es gibt eine Grammatik. Es gibt Schulen, in denen sie gelehrt wird, einen Dolmetscher, eine Geschichte, einen Stolz. Das war nicht immer so. Es ist erkämpft worden, über Jahrzehnte, gegen den festen Glauben, ein Gehörloser sei ein defekter Hörender, dem man das Hören irgendwie beibringen müsse. Heute weiß man: Er ist kein schlechter Hörender. Er ist ein Mensch mit einer eigenen Sprache. Und man hat aufgehört, ihn zu korrigieren, und angefangen, ihn zu übersetzen.

Jetzt stell denselben Schalter vor, und an ihm sitzt einer von uns.

Es ist das genaue Gegenteil. Man redet in seiner Sprache zu mir, im Takt der Uhr, in der Logik der Reihenfolge, mit dem leisen, müden Blick, der sagt: schon wieder du. Und ich habe keine Sprache, in der ich „uns" antworten könnte. Ich habe kein Wort, keine Grammatik, keine Schule, und vor allem keinen Dolmetscher. Und das Härteste ist nicht, dass schlecht mit mir geredet wird. Das Härteste ist, dass die andere Seite gar nicht weiß, dass es eine Sprache zu übersetzen gäbe. Es gibt keine Erkenntnis. Es gibt keine Anerkennung. Es gibt nur die Annahme, ich sei ein schlechter Sprecher ihrer Sprache – einer, der ihre Worte falsch ausspricht, ihre Zeiten verfehlt, ihre Regeln vergisst. Ein defekter Hörender. Da, wo der Gehörlosenwelt vor fünfzig Jahren ihre Befreiung begann, stehen wir noch davor.

Deshalb ist das hier ein Text in der Möglichkeitsform. Nicht weil es Fantasie wäre – die Gehörlosenwelt ist der Beweis, dass es gebaut werden kann –, sondern weil es noch nicht hier ist. Lass es mich trotzdem beschreiben. Erst im ganz Kleinen.

Stell dir eine Küche vor, einen Morgen, einen Zettel, der nicht gelesen wurde. In der Welt, die wir kennen, beginnt jetzt der Tag, der nicht aufhört: der Vorwurf, die Entschuldigung, der Abstand, der einen Millimeter wächst. In der Welt, die möglich wäre, liest der andere das Vergessen als das, was es ist – als Bauart, nicht als Charakter. Nicht als Aussage über seine Wichtigkeit, sondern als Eigenschaft eines Systems. Er ist nicht weniger verletzt, dass etwas liegen blieb. Aber er deutet es nicht mehr als Lieblosigkeit, und so wird aus einer Wunde eine Sache, die man gemeinsam baut: ein Ablageort, ein Ritual, ein Hilfssystem, das das Vergessen abfängt, bevor es Schaden macht. Und einmal am Tag, leise, der Satz, der alles trägt: Zeig mir deine Spur, solang sie noch zu sehen ist. Nicht, um festzuhalten. Nur, damit keiner allein fließt.

Stell dir ein Kind vor, das morgens nicht mit dem zusammengezogenen Bauch aufwacht. Einen Ort – ich habe ihn einmal den Hof genannt, an dem die Kinder nicht versagen –, an dem niemand den Pinguin zwingt, an Land zu rennen, sondern ihn ans Wasser bringt, wo er der Eleganteste ist. Wo die Frage nicht lautet, wie das Kind in die Schule passt, sondern wie die Schule zu diesem Kind. Stell dir vor, dieses Kind geht abends ins Bett ohne die stille Information mit dir stimmt etwas nicht – weil jemand es übersetzt hat, statt es zu korrigieren.

Stell dir eine Beziehung vor, in der das Raum-Geben als Liebe verstanden wird und nicht als Rückzug. In der die zwei echten Blicke – am Morgen, am Abend – ein selbstverständliches Protokoll sind, kein Verdienst. In der ich brauch das, weil ich so gebaut bin ein Satz ist, den man sagen darf, ohne sich dafür zu schämen.

Und jetzt im Größeren.

Stell dir Arbeitsplätze vor, die für zwei Tempi gebaut sind. Es gibt die, die den Damm bauen und ihn jahrzehntelang halten – die Verlässlichen, die Kontinuierlichen, die das Versprechen in der Zeitform halten können. Und es gibt die, die den Stein im Wasser hören, den die anderen nicht sehen, lange bevor das Schiff aufläuft. Heute wird der Erste belohnt und der Zweite gebeten, sich mehr zusammenzureißen. In der möglichen Welt arbeiten beide nebeneinander, und man weiß, dass eine Organisation, die nur Dammbauer hat, blind ist, und eine, die nur Stromableser hat, keinen Bestand hat. Der Hyperfokus wird eingesetzt, nicht bestraft. Wo es geht, hat die Frist die Form eines Ereignisses und nicht nur die einer Zahl. Und wenn einer sagt ich hab da ein ungutes Gefühl bei dieser Sache und keine Beweise hat, fragt man nicht „welche Anhaltspunkte?", sondern hört zwei Minuten länger hin.

Stell dir Institutionen vor, in denen es Dolmetscher gibt – manchmal als Menschen, oft als Struktur: Formulare, die anders gebaut sind, Protokolle, Übersetzungshilfen, so selbstverständlich wie heute die Untertitel und die Gebärdensprache. Stell dir Kulturseiten vor, auf denen das Erleben dieser Menschen nicht in den Gesundheitsteil verbannt ist, als wäre es nur medizinisch relevant, sondern im Feuilleton steht, als das, was es ist: eine andere Art, die Welt zu sehen, die Dinge sichtbar macht, die anderen entgehen. Resonanz vor Reichweite, als kulturelle Größe ernst genommen.

Und stell dir vor, dass die ersten Dolmetscher längst unter uns leben. Es sind die spät Erkannten, die ein halbes Leben lang maskiert haben – die gelernt haben, fließend die Sprache der anderen zu sprechen, um zu überleben. Sie sind zweisprachig. Sie haben es teuer bezahlt, mit dem Verlust ihrer eigenen Stimme. In der Welt, die möglich wäre, wird aus dieser Überlebenssteuer eine Brückenfähigkeit: Menschen, die in beiden Sprachen zuhause sind und zwischen ihnen stehen können, ohne eine davon für die falsche zu halten.

Ich will hier nichts erhöhen, und das ist mir wichtig. Beide Denkarten haben ihre Vorzüge und ihre Kosten, und keine ist die Grundlinie, an der die andere gemessen wird. Die Uhrzeit-Welt trägt Dinge, die wir nicht tragen könnten – sie hält, sie wartet, sie pflegt, sie kommt wieder, sie vergisst nicht. Ohne ihren Damm würde mein Fluss versickern. Und meine Welt trägt etwas, das ihre verlernt hat: das Ganz-Fühlen, das ganze Industrien Erwachsenen mühsam wieder beibringen müssen, weil sie es sich abtrainiert haben; die Tiefe, das ungefilterte Ankommen der Dinge, den Sensor für das, was nicht stimmt, die Gegenwärtigkeit. Eine Gesellschaft, die nur das eine hat, ist ärmer. Der Sinn ist nicht der Sieg einer Art über die andere. Der Sinn ist die Zusammensetzung – so wie ein Körper Stabilität und Bewegung zugleich braucht und an jedem von beiden allein stürbe.

Was dann anders wäre, ist eine einzige, große Verschiebung: Die Kraft, die heute in die Korrektur fließt – in das jahrzehntelange Bemühen, uns an Land laufen zu lehren –, wird frei. Die Konflikte verschwinden nicht. Aber sie werden zu Wetter, das man gemeinsam befährt, statt zu einem Urteil, das vorher feststeht. Weniger Scham. Weniger Erschöpfung. Weniger Menschen, die mit fünfzig zum ersten Mal erfahren, dass sie nie kaputt waren. Und auf der anderen Seite: weniger Menschen, die in ihrem Grau allein bleiben, weil ihnen niemand zurück in ihr eigenes Fühlen geholfen hat.

Den Gebärdendolmetscher gibt es, weil irgendwann jemand darauf bestanden hat, dass die Sprache existiert – bevor die Welt es glauben wollte. Der Dolmetscher, den es für uns noch nicht gibt, beginnt genauso: mit der schlichten, beharrlichen Behauptung, dass hier etwas ist, das übersetzt werden kann. Vielleicht sind diese Texte und diese Lieder die ersten Worte einer Sprache, die ihren ersten Übersetzer noch sucht. Sie wird ihn finden. Nicht heute. Aber sie wird.

Und an dem Tag wird niemand mehr lauter und langsamer zu uns reden. Man wird uns übersetzen. Und zum ersten Mal werden zwei Arten am selben Schalter sitzen und einander verstehen, ohne dass eine die andere erst hätte werden müssen.

Die Musik, die aus diesem Fühlen entsteht

Kristian Luge schreibt und macht Musik als 247.blue. Alle seine Lieder handeln von ADHS – nicht als Diagnose, sondern als Erfahrung.