Zurück zum Gedankenraum

Aus der Maschine zurück in die Natur

Warum ADHS keine kaputte Maschine ist, sondern eine eigene Art

Von Kristian Luge · 247.blue

Das erste Wort, das man mir gab, war ein Reparaturwort. Exekutive Dysfunktion. Es klingt nach einer Maschine, die nicht tut, was sie soll, und genau so habe ich mich auch gefühlt: wie ein Gerät, in dem eine Leitung fehlt. Ich habe diese Sprache nicht nur übernommen – ich habe in ihr gesungen. Mein Kopf wie eine Straße im Stau, Motor läuft, doch die Bremse bleibt drauf. Der Körper voll Strom, doch die Leitung brennt durch. Ein Schalter, der klickt, ein Hebel, der klemmt. Eine Tablette namens D-Dopamin, die man einwerfen müsste, damit das Werk wieder läuft.

Diese Lieder sind wahr. Ich nehme kein Wort zurück. Die Maschinen-Sprache benennt den Schmerz präziser, als es jede Zärtlichkeit könnte – wer im Stillstand klebt, während alles in ihm drängt, der ist eine stehende Maschine bei laufendem Motor. Aber ich habe spät begriffen, was dieses Bild mit mir macht, noch während es mir hilft. Es macht aus mir ein defektes Gerät. Und ein defektes Gerät hat nur ein Schicksal: die Werkstatt.

Die ganze Welt ist mir als Werkstatt begegnet. Man hat mich strukturiert, terminiert, medikamentiert, ermahnt, mehr Disziplin zu üben. Alles in bester Absicht, oft aus Liebe. Aber alles auf derselben Annahme: Hier ist eine Maschine, sie ist kaputt, und unsere Aufgabe ist es, sie zum Laufen zu bringen wie die anderen.

Und dann steht in einem meiner ersten Lieder eine Zeile, die ich geschrieben habe, bevor ich verstand, was sie weiß: Manchmal denk ich, ich sei falsch verdrahtet – doch was, wenn Kabel direkt zur Sonne gehen?

Das ist das ganze Manifest in zwei Atemzügen. Dieselbe Verdrahtung. Zwei Lesarten. In der ersten bin ich ein fehlerhaftes Gerät, dem die Isolierung fehlt. In der zweiten bin ich ein Instrument ohne Dämpfung – und was durch mich kommt, ist kein Rauschen, sondern die Sonne. Der Defekt und die Gabe sind nicht zwei Dinge. Sie sind ein Ding, zweimal gelesen.

Der Unterschied zwischen diesen Lesarten ist nicht kosmetisch. Er ist alles. Eine Maschine korrigiert man. Eine Art versteht man – oder man verfehlt sie. Eine Abweichung muss zurück auf Normalmaß. Eine Art kann man nur kennenlernen.

Wir kennen das Bild vom Pinguin, der an Land stolpert. Niemand baut den Pinguin um. Niemand verordnet ihm Gangschulung. Man bringt ihn ans Wasser, und dort, wo er eben noch der Tollpatsch war, ist er plötzlich der Eleganteste von allen. Die ganze Tragödie unserer Schuljahre, unserer Büros, unserer Kalender ist in diesem einen Bild gefasst: ein Wassertier, beurteilt danach, wie es an Land rennt – und dann für defekt erklärt, weil es stolpert. Nicht der Pinguin ist falsch. Das Trockene ist falsch für den Pinguin.

Und hier wird aus einer Frage der Selbstachtung eine Frage des Zusammenlebens. Solange wir Maschine sprechen, ist der soziale Konflikt vorentschieden. Er kann nie eine Verhandlung sein, immer nur eine Reparatur. Der, der vergisst, muss sich entschuldigen. Der, der zu spät kommt, muss sich bessern. Der, der zu viel fühlt, muss den Regler runterdrehen, bis seine echten Farben grau genug sind, um niemandem aufzufallen. Die Norm ist Richter und Partei in einer Person. Es gibt nichts zu klären, es gibt nur etwas zu beheben – und das, was behoben werden soll, bin ich.

In dem Moment, in dem wir aufhören, Maschine zu sprechen, und anfangen, Natur zu sprechen, verschiebt sich etwas, das sich anders nicht verschieben lässt: Der Konflikt wird symmetrisch genug, um lösbar zu sein. Zwei Arten begegnen sich. Und – das ist der Kern – die Frage ist dann nicht mehr, welche Art die richtigere ist. Man löst die Begegnung zweier Kulturen nicht, indem man entscheidet, welche die Grundlinie ist und welche der Fehler. Man löst sie, indem man den Raum dazwischen baut. Teil mit mir den Zwischenraum – das ist kein Liebeslied. Das ist ein Friedensangebot zwischen zwei Wahrnehmungsarten.

Welche Sprache, welche Bilder hat diese Kultur also? Hier bemerke ich etwas, das ich nicht geplant habe. Wenn ich über die Wunde schreibe, greife ich zur Maschine. Wenn ich über mich selbst schreibe, greife ich zur Natur. Ich bin kein Stein im Flussbett – ich bin die Strömung, die mich formt. Wie Wasser bin ich, immer auf dem Weg, mal wild, mal still, doch nie verkehrt. Ich bin kein Fehler, ich bin kein Bruch. Ich bin Bewegung, ich bin genug. Wellen statt Linien. Ein Funke, der nicht verglüht, sondern zu Wärme wird. Ein Baum im Morgendrang. Ein Wasserglas, das immer nur zu eng war für seine Wellen.

Das sind keine Verzierungen. Das ist das Vokabular eines Volkes, das lernt, sich von innen zu beschreiben – in Worten, die nicht aus dem Reparaturhandbuch stammen. Eine Kultur ist zu einem großen Teil ein Wörterbuch, und das unsere ist ein Wörterbuch aus Wasser, Wind, Licht und Wellen, nicht aus Leitungen, Schaltern und Salienzmarkierung.

Und damit ich nicht missverstanden werde: Natur ist keine Postkarte. Ich verkaufe dir den Fluss nicht als Happy End. Natur hat Hochwasser und Dürre. Es gibt den freien Fall vom Kometen zum Krater. Es gibt die Erschöpfung, in der nichts mehr trägt als der eigene Herzschlag. Es gibt die Stunde, in der man voll ins Vergessen rennt und vierzig Jahre auf einmal sieht. Zurück in die Natur heißt nicht, dass der Schmerz verschwindet. Es heißt, dass wir ihn nicht mehr ausschließlich in die Werkstatt tragen, wo er nur ein Urteil bekommt: defekt, reparieren. In der Natur hat derselbe Schmerz eine andere Adresse. Er ist Wetter. Er ist der Sturm eines Lebendigen, nicht der Fehlercode eines Kaputten. Und Wetter kann man bewohnen lernen. Bauart wird nicht geheilt. Bauart wird bewohnt.

Das ist kein Verklären. Ich sage nicht „Superkraft" – das Wort ist mir zu laut, zu billig. Es ist keine Superkraft und kein Defekt. Es ist eine Art. Mit eigenem Tempo, eigener Wahrnehmung, eigener Sprache, eigenen Bildern. Nicht eine bessere Variante des Normalen, nicht ein Schaden am Normalen. Eine Art.

Deshalb fordere ich nicht, dass die Welt ein Fluss wird. Die Uhrzeit-Welt hat ihr Recht. Das Lineare, das Pünktliche, das Verlässliche – es trägt Dinge, die wir nicht tragen könnten. Ich will keine Monokultur durch eine andere ersetzen. Ich will Zweisprachigkeit. Dass normotypische Menschen lernen, vergessen als Bauart zu lesen und nicht als Charakter. Dass wir lernen, Krücken zu bauen, ohne uns für sie zu schämen. Dass es zwischen uns geteilte Protokolle gibt – die zwei echten Blicke am Morgen und am Abend, das leise zeig mir deine Spur, solang sie noch zu sehen ist. Schnittstellen, nicht Sieg.

Hundertfünfzig Jahre lang hat man uns in Stühle gesetzt, die zu klein waren, und das Stolpern für einen Defekt gehalten. Man hat uns die Sprache der Werkstatt in die Hand gedrückt, und wir haben sogar in ihr gesungen, weil es die einzige Sprache gab. Aber unter den Maschinen-Worten war immer etwas, das keine Maschine war. Wasser. Ein Fluss, den kein Damm je gehalten hat, weil wir der Fluss waren.

Es ist Zeit, das Reparaturhandbuch hinzulegen und die ältere Sprache aufzunehmen – die, die nicht fragt, ob wir funktionieren, sondern uns sein lässt: mal wild, mal still, doch nie verkehrt.

Aus der Maschine. Zurück in die Natur. Nicht als Rückzug. Als Heimkehr. Und als der erste Boden, auf dem wir und die anderen einander endlich begegnen können.

Die Musik, die aus diesem Fühlen entsteht

Kristian Luge schreibt und macht Musik als 247.blue. Alle seine Lieder handeln von ADHS – nicht als Diagnose, sondern als Erfahrung.