Musik ist für mich keine Unterhaltung. Das war sie nie. Ich bin selbst kreativ und spontan genug — ich muss nicht unterhalten werden. Aber wenn eine Emotion da ist, die bearbeitet werden will, und ich in Gedanken auf Musik komme — auf bestimmte Lieder, bestimmte Bilder, bestimmte Klangarten — dann weiß ich: Jetzt ist der Moment. Dann mache ich das. Und es funktioniert.
Wenn die Emotion zu groß wird
Menschen mit ADHS erleben Emotionen intensiver. Was andere als starkes Gefühl beschreiben, ist bei uns oft ein Zustand, der alles andere überlagert. Das kann lähmend sein. Aber wenn ich eine Emotion möglichst echt zulasse — sie nicht kleinmache, nicht kontrolliere, nicht wegrationalisiere — dann ist Musik das Einzige, was genauso intensiv ist wie das, was ich gerade fühle. Es kann leise sein oder laut, groß oder klein. Das spielt keine Rolle. Was zählt, ist die Passung. Die Musik muss so real sein wie die Emotion.
Es geht nicht darum, dass Emotionen über Therapie nicht erreichbar wären. Es geht um Unmittelbarkeit. Musik bringt mich an eine Unmittelbarkeit der Emotion heran, die anders nicht entsteht. Das ist wie unter der Dusche stehen oder allein im Auto sitzen — wo dich keiner sieht und du auf einmal so lachst, grinst, weinst oder dich so bewegst, wie du es wirklich tun würdest. Ohne Filter. Ohne Publikum. Ohne Korrektur.
Der Moment, in dem Emotion in Musik kippt
Das fühlt sich magisch an. Anders kann ich es nicht beschreiben. Und dass die Emotion intensiver ist als bei anderen — das ist eigentlich immer ein Vorteil. Weil sie klar gezeichnet wird. Je stärker das Gefühl, desto deutlicher die Linie.
Ich habe Songs geschrieben für Zustände, die man in unserer Kultur normalerweise nicht benennt. Ungebremst raus — wenn die Zurückhaltung aufhört. Druckzustand — wenn alles gleichzeitig drückt. Loslassen — wenn man einfach nicht mehr kann. Sinnlos werden — wenn der Boden unter den Füßen fehlt. Das sind keine poetischen Übertreibungen. Das sind Zustände, die real sind und die einen Namen brauchen. Die Songs sind diese Namen.
Verarbeiten und Ausdrücken — kein Unterschied
Man fragt mich manchmal, ob es einen Unterschied gibt zwischen Emotionen verarbeiten und Emotionen ausdrücken. Für mich nicht. Wenn ich ehrlich verarbeite, drücke ich auch aus. Und wenn ich ehrlich ausdrücke, verarbeite ich. Das fällt zusammen, sobald die Ehrlichkeit stimmt.
Wut, Scham und Trauer
Wut kommt in meiner Musik vor. Selten, aber sie kommt vor. Wut braucht einen legitimen Raum — auch im sozialen Umfeld. Dass diese Impulsivität, die manchmal da ist, sein darf. Dass man sich entfernen darf. Dass man es tun darf. Wut ist nicht böse. Wut ist ein intensiver, unmittelbarer Ausdruck.
Scham zieht sich durch viele meiner Songs, aber weniger deutlich als Wut. Sie ist da — leiser, tiefer, schwerer zu greifen. Und Trauer? Dazu will ich nichts definieren. Echte Trauer ist echte Trauer. Da muss jeder seine eigene finden. Das wäre anmaßend, sie in ADHS und neurotypisch zu unterteilen.
Was Resonanz wirklich ist
Wenn ein Hörer sich in meiner Emotion wiedererkennt, dann hat man etwas Universelles gefunden. Etwas, das nicht nur stimmig ist, sondern wahr. Das ist Resonanz. Kein „Das ist ein schönes Lied." Sondern: „Das bin ich. Das kenne ich. Das hat noch nie jemand so gesagt."
Kann Musik eine Emotion abschließen?
Ja. Musik kann eine Emotion fertigmachen. Wirklich abschließen — nicht nur benennen. Die Frage ist, ob durch die Musik die Emotion ganz da sein darf. Gefühlt werden darf. Und alles, was ins Bewusstsein kommt, darf gehen. Das ist ja generell das Thema — bei ADHS und überall sonst. Hochholen ins Bewusstsein. Fühlen. Durchgehen. Und ausgehen.
Runterregulieren — mit Stille und Schönheit
Wenn es wirklich zu viel wird, nehme ich Stille. Oder ganz stimmige Musik von Künstlern, die mich berühren. Nicht Entspannungsmusik — schöne Musik. Das ist ein Unterschied. Entspannungsmusik versucht, etwas mit dir zu machen. Schöne Musik lässt dich einfach sein.
Ich habe darüber ein Lied geschrieben. Es heißt Geh langsamer. Die Musik wird darin tatsächlich langsamer — zwölf Prozent. Sie fängt bei einem etwas schnelleren Gehen an und löst sich bei kontemplativem Gehen auf. Ich habe verschiedene psychologische Prinzipien eingebaut. Der Song ist nicht nur Text — er ist eine Anleitung, die man hört und die wirkt.
Wenn Schmerz und Klarheit übereinanderkommen
Es gibt Tage, an denen ich keine Musik machen kann. Wenn zu viel gegen mich steht. Wenn emotional zu viel mich belastet und das Dopamin runterzieht. Dann bin ich auch nicht gut. Das zu wissen, ist kein Scheitern — das ist Selbstkenntnis.
Aber wenn es geht — und wenn Schmerz und Klarheit gleichzeitig da sind — dann entsteht Magie. Nur Schmerz ist zu subjektiv. Nur Klarheit hat zu viel Abstand. Aber wenn beides übereinanderkommt, ist es das Beste, was mir passieren kann. Das Gleiche gilt für Freude. Für Liebe. Für Weitsicht. Der Schlüssel ist immer: zwei Ebenen gleichzeitig.
Songs als Schubfächer für Emotionen
Wenn eine Emotion einmal in einem Song ist, trage ich sie anders mit mir. Ich integriere sie. Es ist nicht mehr unstrukturiert — ich habe mir mit den Liedern eine äußere Struktur gebaut. Schubfächer, in die ich Gefühle legen kann. Und das hilft.
Am deutlichsten bei Sturz. Am Anfang war es so: Wenn es emotional zu viel wurde, hat mein Gehirn abgeschaltet. Eingefroren. Einfach weg. Mittlerweile lasse ich das zu, weil ich den Weg einbrenne — durch das Hören, durch die Texte. Ich brenne die Art, wie man stürzt, ein. Und fange mich dadurch eher auf, bevor das Gehirn radikal abschaltet. Weil Abschalten auch keine gute Version ist.
ADHS-Gehirne merken sich Sachen, die sinnhaft sind. Die helfen. Die oft genug gehört werden. Das speichert sich ab. Deshalb arbeite ich so viel mit Bildsprache — weil Bilder sich einprägen. Bei mir. Bei den Hörern. Und dadurch abrufbar werden. Auch unbewusst.
Ich bin nicht dysreguliert
Man nennt es emotionale Dysregulation. Ich nenne es anders.
Dysreguliert hieße, dass meine Regulation inkonsistent oder falsch wäre. Aber ich habe eine Haltung — zu Wahrheit, zu Liebe, zu den Dingen, die ich tue. Was ich ausdrücke, ist nicht dysreguliert. Es ist der unmittelbare, echte Eindruck. Subjektiv, ja. Sozial inkompatibel manchmal, ja. Aber nicht falsch. Nicht kaputt. Nicht reparaturbedürftig.
Und genau das mache ich zu Kunst. Nicht indem ich etwas Besonderes tue — sondern indem ich aufhöre, mich zurückzuhalten.
Was ich dir sagen würde
Wenn du deine Emotionen als Feind erlebst und nicht weißt wohin damit:
Der Mensch, der den Berg abtrug, war der Mensch, der anfing, die Steine wegzulesen.
Wieder anfangen. Weitermachen. Irgendwann macht es auf einmal klick. Nicht beim ersten Mal. Nicht beim zehnten. Aber es macht klick.
Der Song, der zeigt, was Emotionen verarbeiten durch Musik wirklich bedeutet
Ungebremst raus.
Weil mein eigentliches Problem die dauernd geübte Zurückhaltung ist. Die ist zwar an sich auch gut — aber sie ist höchst einseitig geworden. Und irgendwann muss man sich die Frage stellen: Will ich mich mein Leben lang bremsen? Oder will ich einmal hören, wie es klingt, wenn ich es nicht tue?