Zurück zur Übersicht
ALL TAG – Album Cover

ALL TAG

247.blue

2026 · Kristian Luge · 15 Liedtexte

01

Der Erste Gedanke

Noch bevor der Morgen Namen kennt, liegt etwas da, ganz ungelernt. Kein Satz, kein Ziel, kein großes Licht, nur Nähe, die noch nichts verspricht. Manchmal bist du es, einfach so, kein Bild, kein Wort, nur irgendwo. Manchmal nur ein leiser Stand: Ich bin hier – und der Tag hält an. Der erste Gedanke geht leise vor. Er zieht mich nicht, er trägt mich nur. Was ich ihm lasse, nimmt er mit, der erste Gedanke tritt vor den Schritt. Manchmal kommt er schon mit Gewicht, aus einer Nacht, die nicht zerbricht. Gestern liegt noch in der Luft, ohne Namen, ohne Duft. Und manchmal fehlt der erste Ton, weil die Nacht nicht enden will. Dann geht der Tag einfach los und tut so, als wär alles still. Der erste Gedanke fragt nicht nach Sinn. Er sagt nicht wer, nur wo ich bin. Ich trag ihn weiter, lass ihn ziehn, der erste Gedanke läuft neben mir. Am Abend seh ich ihn nicht an, um Recht zu haben irgendwann. Eher wie Regen, der war und geht, und etwas Ordnung dalässt, spät. War der Tag ihm ähnlich im Klang, oder ist er leiser geworden, langsam? Manches wird weich, wenn man's nicht hält, und findet selbst zurück ins Feld.
02

Bevor Du Sicher Bist

Wir warten oft auf ein Zeichen, auf einen Beweis, der bleibt. Doch Nähe entsteht nicht im Wissen, sondern dort, wo man sich zeigt. Vielleicht ist Liebe kein Versprechen, sondern ein leiser Schritt im Jetzt. Ich bleib, auch wenn ich's nicht verstehe, weil etwas in mir sagt: Jetzt. Geh los, bevor du sicher bist, bevor sich alles fügt. Manches trägt sich erst im Gehen, nicht wenn man stehen bleibt und prüft. Vielleicht ist Mut kein lauter Sprung, sondern ein stilles Ja. Geh los, bevor du sicher bist –– und schau, was dann geschah. Wir nennen es Verantwortung, wenn wir uns selber klein. Zählen Stunden, Ziele, Gründe und vergessen, da zu sein. Doch Sinn fragt nicht nach Plänen, er taucht auf, wenn man ihn lässt. Wenn jemand mehr tut als nur liefern und merkt, dass Haltung trägt, nicht Stress. Geh los, bevor du sicher bist, bevor es jemand erlaubt. Manches wird erst wirklich richtig, wenn man ihm einfach vertraut. Vielleicht ist Arbeit mehr als Funktion, mehr als ein Ergebnisplan. Geh los, bevor du sicher bist –– und nimm dich selbst mit an. Kunst beginnt nicht mit Konzepten, sondern mit offenem Blick. Mit dem Risiko, sich zu zeigen, ohne Netz, ohne Trick. Sie fragt nicht, ob sie passt, sie fragt nur: Bist du da? Und sie lebt von genau dem Moment, wo niemand weiß, was danach geschah.
03

Dieser Eine Moment

Der Tag war laut, noch ehe er begann, Gedanken liefen schneller als ich. Alles hatte Gewicht, alles wollte etwas, und ich war schon unterwegs, ohne bei mir zu sein. Dann blieb die Zeit an einer Kante stehen, kein Grund, kein Plan, kein Ziel. Nur dieses kurze Innehalten, als hätte mich etwas leise berührt. Dieser eine Moment, der nichts von mir will. Kein Morgen, kein Gestern, nur jetzt – ganz still. Für einen Atemzug bin ich nicht mehr unterwegs. Dieser eine Moment trägt mich, ohne dass ich mich bewege. Ich hatte keine Worte vorbereitet, keinen Schutz, kein Warum. Es kam einfach durch mich hindurch, wie Licht, das keinen Namen braucht. Noch ehe ich es greifen konnte, noch ehe ich dachte, es zu verlieren, war ich schon mitten drin und alles andere trat einen Schritt zurück. Dieser eine Moment, der plötzlich da ist. Ohne Ankündigung, ohne dass man ihn hält. Für einen Herzschlag bin ich frei von Gewicht. Dieser eine Moment weiß genau, wer ich bin. Vielleicht bleibt er nicht lange, vielleicht geht er leise weiter. Doch etwas in mir merkt sich diese Art von Wahrheit. Und selbst wenn der Alltag mich wieder findet, weiß ich, dass er möglich ist: Dieser kurze, offene Raum, in dem alles richtig war, ohne es zu sein.
04

Gehweg 239

Geh – Schritt – der Abend sinkt ins Blau, ein stilles Schild im Straßenrau. Zwei weiße Linien, Hand in Hand, ein zarter Weg am Wegesrand. So wenig Form, so viel Gewicht –– ein kleiner Mensch, ein stilles Licht. Und wer vorbeieht, merkt es kaum: Hier öffnet sich ein Lebensraum. Gehweg zweihundertneununddreißig, ein Flüstern: „Bleib für einen Moment weich.“ Hier trägt, was dünn ist, Schritt für Schritt –– und Wahrheit geht ein Stückchen mit. Gehweg zweihundertneununddreißig, so unscheinbar und doch so heilig. Zwei Linien halten, was zerbricht –– wer langsam geht, erkennt es vielleicht. Ein großer Umriss, klein dazu –– und dazwischen leise Ruhe. Ein Zwischenraum, der Nähe hält, ein Faden, der nicht sichtbar fällt. Nur eine Linie, Hand in Hand, ein leiser Ruf im Alltagsland: „Bewahr dir das, was zu dir tritt –– und trag, was still geht, Schritt für Schritt.“ Gehweg zweihundertneununddreißig, ein Flüstern: „Bleib für einen Moment weich.“ Hier trägt, was dünn ist, Schritt für Schritt –– und Wahrheit geht ein Stückchen mit. Gehweg zweihundertneununddreißig, so unscheinbar und doch so heilig. Zwischen den Linien steht so sacht: Ein Weg, der dich zum Andern macht. Vielleicht sind wir genau wie sie –– mal groß, mal klein, mal still sorti. Und manchmal braucht Verbundensein nur einen Schritt und etwas Sein. Im Blau entsteht ein kleiner Ort, ein Raum, der sagt: „Geh achtsam fort.“ Bewahr das Leise neben dir, den Schritt, der dich erinnert hier. Ein Alltagsschild im Betongrau –– doch wer es hört, versteht genau: „Verletz nicht, was im Mitgehen steht –– und sieh, was still im Menschen geht.
05

Keine Zeit

Ich hab keine Zeit. Jetzt ist es schlecht. Der Tag ist voll, ich komm später zurück. Du sagst, das Leben ist zu kurz. Doch du verlierst es im Vorbeigehen. Nicht der Tag fehlt dir, sondern der Blick auf ihn. Keine Zeit, keine Zeit, keine Zeit, hm, hm, hm. Keine Zeit, keine Zeit, keine Zeit, hm, hm, hm. Nicht jetzt. Wenn es ruhiger wird. Nach dem Projekt. Nach dem Jahr. Du gibst die Stunden aus wie Kleingeld an Fremde. Am Abend fragst du dich, wo der Tag geblieben ist. Keine Zeit, keine Zeit, keine Zeit, hm, hm, hm. Keine Zeit, keine Zeit, keine Zeit, hm, hm, hm. Keine Zeit. Nicht heute. Nicht hier. Vielleicht später. Wer sich selbst gehört, dem reicht ein Leben. Wer immer wartet, lebt irgendwann zu spät. Keine Zeit, keine Zeit, keine Zeit, hm, hm, hm. Keine Zeit, keine Zeit, keine Zeit, hm, hm, hm.
06

Schlüsselbund

In meiner Tasche klingt ein kleines Stück von mir, ein Bund aus Wegen, die mich täglich tragen. Ein Schlüssel führt nach Hause, einer führt zur Tür, die ich nur öffne, wenn die Tage leise danch fragen Und oft vergess ich, wie viel darin steckt: ein leiser Klang, der sagt: „Du bist noch wer.“ Ein bisschen Stahl, das meine Schritte hält, durch jeden Tag – mal leicht, mal schwer. Und ich dreh den Schlüssel im Heimatschloss, wie den ersten Zug an meiner Zigarette. Da wird die Welt aus wenig groß, und ein Wort geht mit mir heim, wie Klang auf einer alten Kassette. Zuhause sein. Und wenn der Bund mal fehlt, wird alles still und klein, als würde jemand meine Räume ausradieren. Ich such in Taschen, Schuhen, unter Steinen – und merk dabei, wie sehr mir Türen Orientierung sein. Dann steh ich vor dem Schloss, das mich nicht erkennt, als wär ich Gast in meinem eignen Leben. Und plötzlich spür ich ganz konkret: Wie viel von mir in diesem Ring liegen. Und ich dreh den Schlüssel im Heimatschloss, wie den ersten Zug an meiner Zigarette. Da wird die Welt aus wenig groß, und ein Wort geht mit mir heim, wie Klang auf einer alten Kassette. Zuhause sein. Da gibt's den Schlüssel, ohne Tür, ein kleines Echo Zeit. Und einen, den ich bekam als eine leise Spur: „Hier ist ein Platz für dich – solang mein Herz bereit.“ Und manchmal hängt ein alter Schlüssel still dabei, zu einer Wohnung, die schon lange nicht mehr lebt. Doch etwas bleibt, ein Stück von uns zwei – ein stiller Ton, der weiter mit uns geht.
07

Länger Als Immer

Bevor ich wusste, was gestern heißt, bevor ein Morgen mich erreicht, war da ein Arm, der mich gehalten hat, ein Ort, der keinen Namen braucht. Kein Wort für Zeit, kein Zählen mehr, nur Nähe, warm, ohne Wehr. Die Welt war klein, doch ganz und weit, und du warst da – vor jeder Zeit. Du warst schon da, bevor ich „immer“ sagen konnte. Du warst schon da, als Zeit noch keinen Klang bekam. Wenn alles kommt – alles geht, bleibst du Anfang, der nicht vergeht. Für mich war Liebe länger als immer. Ich lernte später erst das Gehen, das Fallen und das Weitersehen. Doch unter allem, was ich war, lag deine Stimme, hell und klar. Die Tage wurden groß und schwer, die Welt erklärt sich immer mehr. Doch tief in mir, unbeirrt, ist etwas, das nicht älter wird. Du warst schon da, bevor ich „immer“ sagen konnte. Du warst schon da, als Zeit noch keinen Klang bekam. Wenn alles kommt und alles geht, bleibst du Anfang, der nicht vergeht. Für mich war Liebe länger als immer. Vielleicht misst man Zeit in Jahren, vielleicht in Schritten, die wir gehen. Doch ich hab Zeit in Wärme gelernt, im Wiederfinden, im Gesehenwerden. Und wenn ich heute weiterzieh, die Welt sich dreht und anders sieht, dann trag ich still in mir den Raum, aus dem ich kam, aus dem ich glaub. Kein Ende nimmt mir, was begann, bevor ich es benennen kann. Denn was mich hält, egal wohin, ist nicht die Zeit – es ist der Sinn.
08

Mein Wunderladen

Da ist ein Raum, den sieht man nicht, er liegt nicht irgendwo im Licht. Er öffnet sich, wenn ich nicht geh, obwohl ich spür, dass ich mich fürcht. Kein Schild, kein Plan, kein sichrer Grund, nur dieser eine stille Punkt: Ich könnte fliehn – doch etwas bleibt und hält mich hier, genau für jetzt. Mein Wunderladen ist der Ort, an dem ich nicht fliehe vor mir fort. Wo Angst da sein darf, ohne Ziel, und ich trotzdem bleibe, still. Ich gehe weiter, ohne Geländer, ohne zu wissen, wer ich gleich sei. Mein Wunderladen lebt genau hier: Ich bin da und das genügt. Ich sichere nichts, ich halt nicht fest, kein Versprechen, das mich bindet. Ich bleib im Offenen, ungeschützt, wo sich kein Ausgang findet. Nicht stark, nicht klug, nicht vorbereitet, nur ehrlich, um nicht zu weichen. Vielleicht ist Bleiben kein Verstehn, sondern ein leises Weitergehn. Mein Wunderladen ist der Ort, an dem ich bleibe, ohne Wort. Wo nichts bewiesen werden muss und ich mir selbst begegne, ganz bewusst. Ich gehe trotzdem, Schritt für Schritt, auch wenn die Zukunft noch schweigt. Mein Wunderladen fragt nicht, wer ich war –– nur, ob ich jetzt da bleib. Vielleicht ist Mut kein heller Ruf, sondern ein Atemzug. Kein Sieg, kein Ziel, kein großer Plan, nur das: Ich bin noch hier. Und alles, was ich werden kann, beginnt genau an dieser Tür. Mein Wunderladen ist der Ort, wo ich nicht gehe, sondern fort. Nicht weg von mir, nicht aus der Zeit, sondern mitten in die Möglichkeit. Ich gehe trotzdem, ohne zu wissen, wer ich gleich sein werde. Mein Wunderladen lebt im Satz: Ich bin da und will und werde.
09

Wenn Die Steckdosenleiste Fehlt

Ich brauch nur kurz ein bisschen mehr, Laptop, Lampe, Ladegerät. Der Stecker passt, doch irgendwo ist nie genug Platz für das, was geht. Ich weiß genau, sie war mal hier, neben dem Schrank, ganz unscheinbar. Jetzt ist sie weg, wie vom Wind getragen, als wär sie einfach nicht mehr da. Und ich frag mich leise, fast erleichtert: Vielleicht tut sie grad woanders gut. Wenn die Steckdosenleiste fehlt, lebt sie vielleicht ein anderes Leben. Hängt an einem Weihnachtsbaum, lässt irgendwo ein Handy beben. Wenn die Steckdosenleiste fehlt, ist sie nicht weg – nur umgezogen. Sie gibt grad Strom, wo jemand sagt: Jetzt geht's wieder. Jetzt kann ich atmen. Jetzt kann ich los. In der Küche wird es eng, dritter Stecker, letzter Platz. Toaster, Wasserkocher, Mixer –– einer fliegt, der andre hat's. Also tausche ich die Drei gegen eine Sechs, ganz klug. Mehr Möglichkeiten, mehr Reserve –– bis sie fehlt. Wie immer. Punkt. Manche brauchen wenig Anschluss, andere mehr, als da sein kann. Wenn die Steckdosenleiste fehlt, versorgt sie still ein fremdes Zimmer. Ein Radiowecker, Nachtlicht, vielleicht ein Aquariumsschimmer. Wenn die Steckdosenleiste fehlt, dann fehlt uns kurz die Übersicht. Nicht der Strom –– nur der Weg dahin ist plötzlich unterbrochen. Es gibt die, die immer suchen, und die, die immer eine haben. Die sich kümmern, neu besorgen, ohne groß darüber zu klagen. Und es gibt die, die mehr brauchen, mehr Geräte, mehr Idee. Mehr Strom für das, was in ihnen brennt, als gerade in die Dose geht.
10

Nix Bled

Der Tag hat leis' begonnen, kaum ein Wort, nur warmer Wind. Wir hatten nichts vorgenommen, zogen los, so wie wir sind. Und plötzlich standen wir im Herzen von Freunden auf der Alm, wo keiner fragt, woher du kommst, nur ob du bleibst im warmen Raum. Und jede Hand fand ihren Platz, als wär's seit Jahren so gemacht. Man tut, was grad dazugehört, und keiner zählt, was er vollbracht. Und am Abend, wenn der Himmel über'n Hüttenfirst aufglüht, spürst du, wie die Last aus den Schultern rauszieht. Keiner redet drum herum, keiner trägt dir still was mit. Heut war einfach alles gut ––– nix bled. Wir schrubben still die Tische, und das Lachen bleibt im Holz. Es ist die Art von Nähe, die nichts fordert außer Stolz ––– den leisen, echten, warmen einen, der im Miteinander steht, wo jeder Schritt fast wie von selbst den ganzen Tag durchs Leben geht. Und mitten drin die kleine Zeit, die man spürt und nicht besitzt ––– so ein feiner Faden Frieden, der sich durch den Abend zieht. Und am Abend, wenn der Himmel über'n Hüttenfirst aufglüht, spürst du, wie die Last aus den Schultern rauszieht. Keiner redet drum herum, keiner trägt dir still was mit. Heut war einfach alles gut ––– nix bled.
11

Sinn Los Lassen

Der Morgen steht einfach im Raum kein Anfang, kein Ziel, kein Warum Die Stimmen reden an mir vorbei alles passiert – nur nicht in mir Der Tag trägt Namen, Wege, Pläne aber nichts davon greift nach mir Ich geh durch Stunden wie durch Wasser zu tief, um noch laut zu sein Ich lass den Sinn los nicht aus Trotz, nicht aus Mut Ich halt mich nur fest an dem, was nicht wehtut Ich lass den Sinn los weil nichts mehr zieht Ich bleib einfach hier bis der Abend mich sieht Man fragt mich, was ich will und ich hör nur ein leises Nein Nicht gegen dich, nicht gegen uns nur gegen das Müssen im Sein Ich spiel die Abläufe korrekt nicke zur richtigen Zeit Aber innen sitzt etwas still und wartet, dass der Tag vergeht Ich lass den Sinn los nicht weil ich flieh sondern weil ich sonst mich selbst verlier Ich lass den Sinn los und bleib ganz klein Zwischen Tun und Schlaf passt heute kein Sein Vielleicht kommt er zurück der Punkt, der mich hält Vielleicht reicht ein Gedanke oder ein Riss in der Welt Doch heute trag ich nichts weiter als Atem und Zeit Manchmal ist Bleiben die letzte Ehrlichkeit
12

Staub Wo Wir Lagen

Licht fällt ins Zimmer und der Staub hebt ab, als wüsste er genau, dass in der Luft von uns noch etwas lebt. Ein Rest von dir, der sich nicht legt und still im Morgen schwebt. Und plötzlich bist du da, nicht fern, nicht Traum –– nur Wärme, die im Bett noch hält, als läge deine Hand auf meinem Raum, als hätte Zeit sich weggestellt. Der Staub zieht Kreise, immer wieder über diese selbe Spur. Als würde er mich leise fragen, warum von all den alten Liedern nur deins noch hier bleibt –– und wofür. Die Schatten draußen spielen über meine Wand, ziehen Linien, ruhig und weich. Sie folgen Kurven deiner Haut, als wüssten sie noch ganz genau, wie du in meinem Atem lagst –– und ich in deinem gleich. Hier hat die Liebe ihre Form gefunden, nicht laut, nur in der Nähe wahr. Ein Zimmer, zwei verbundene Sekunden, ein Anfang, der aus Nichts entstand –– und plötzlich alles war. Wir kamen her mit offnen Händen, mit diesem Blick für Neuanfang, der Wände heller macht als Lampen und jeder Schritt nach Freiheit klang. Die Räume standen schon bereit, als hätten sie uns lang gekannt, als hätten sie uns still erwartet und unser „Wir“ ganz erkannt.
13

Warum Nicht Wieder So Tun Als Ob

Wir haben gelernt, die Dinge zu wiegen, nur das zu halten, was sicher besteht. Haben dem Staunen Namen gegeben und es dann leise zur Seite gelegt. Zwischen Terminen und guten Gründen steht etwas still und wartet darauf, dass jemand nicht fragt, ob es sinnvoll ist, sondern die Tür wieder aufmacht. Warum nicht wieder so tun, als ob die Welt uns antworten kann? Warum nicht glauben für einen Moment, dass mehr ist, als wir sehen dann? Vielleicht ist das Kindische nur Mut, der noch nicht gelernt hat zu fliehn. Warum nicht wieder so tun, als ob und sehen, wohin wir gehn. Man sagt, die Wirklichkeit sei hart, sie folgt den Regeln, still und klar. Doch wer hat entschieden, dass sie endet genau dort, wo wir aufhörn, da zu sein? Vielleicht ist sie kein festes Gefüge, sondern ein Raum, der sich bewegt. Und sie wird erst dann wirklich lebendig, wenn jemand mit ihr weitergeht. Warum nicht wieder so tun, als ob die Welt uns zuhört im Stillen? Warum nicht reden mit dem, was bleibt, statt alles nur zu erfüllen? Vielleicht ist Erwachsensein nur das Vergessen, wie leicht sich Vertrauen anfühlt. Warum nicht wieder so tun, als ob und sehen, was sich dann enthüllt. Nicht alles, was trägt, muss bewiesen sein. Nicht alles, was wahr ist, macht Lärm. Manches entsteht nur, wenn wir es nicht halten, sondern ihm Raum geben, entfernt. Vielleicht ist Hoffnung kein Versprechen, sondern ein Schritt ohne Geländer. Und Wunder sind nichts, was passiert –– sie warten, bis jemand sie ändert.
14

Welt Hält Dich

Du sitzt im Raum, der täglich weint, wo Fragen hängen wie ein Kleid. Du hörst Geschichten, die nicht enden, und hältst die Fäden, die zertrennen. Du kennst die Blicke, schwer und stumm, das müde „Ja“, das viel zu jung. Und während andre weitergehen, bleibst du beim Bruch, um ihn zu sehen. Du hältst so viele ––– wer hält eigentlich dich? Wer sieht die Schatten, die fallen ins Licht? Du trägst so viel Stille, die keiner erkennt. Sag, wer hält dich, wenn alles brennt? Es gibt Momente, wo du schweigst, weil deine Stimme sich verneigt. Du atmest tief, damit du bleibst, und trägst ein Herz, das niemand weiß. Du bist der Halt im losen Sein, der letzte Klang im Zwischenrein. Doch alles, was du still verwebst, hat einen Preis, den keiner sieht. Du hältst so viele ––– wer hält eigentlich dich? Wer sieht die Schatten, die fallen ins Licht? Du trägst so viel Stille, die keiner erkennt. Sag, wer hält dich, wenn alles brennt? Vielleicht braucht dein Herz auch einmal kaum Mut. Nur einen Ort, der für dich leise tut. Einen Moment, der nichts verlangt. Nur atmet, wenn du nicht mehr kannst.
15

Der Letzte Gedanke

Wenn der Tag sich leise faltet und nichts mehr etwas will, bleibt ein Satz, der nicht mehr sucht, nur da ist, einfach still. Manchmal bist du es, ganz nah, ohne Frage, ohne Grund. Manchmal nur ein einz'ger Ton, der bleibt, wenn alles ruht. Der letzte Gedanke macht nichts mehr auf. Er schließt nicht ab, er hört nur auf. Er fragt nicht mehr, er bleibt bestehn, der letzte Gedanke will nichts mehr sein. Manchmal trägt er Wehmut in sich, wie ein Blick zurück im Gehn. Eine Welt war da, so groß, jetzt passt sie in ein Verstehn. Und manchmal ist er wie ein Licht, das nichts beweisen muss. Kein Zweifel mehr, kein Halten mehr, nur ein innerer Schluss. Der letzte Gedanke kann schwerer sein, als alles, was den Tag gemeint. Er ist kein Kampf, kein Urteilston, der letzte Gedanke ist die Kron'. Zu einer Sache, die gegangen ist, zu dir, die blieb oder ging. Zu allem, was nicht gesagt und trotzdem wahr gewesen ist. Er ist der Guss aus jedem Schritt, aus Lärm, aus Nähe, aus Zeit. Was übrig bleibt, wenn nichts mehr drängt, ist keine Frage –– nur Wahrheit.